und immer wieder schlanke Gestalten in der Literatur

nachdem ich schon Musäus’ Vorliebe für die schlanke Mädchengestalt hier vorgestellt habe, geht es nun weiter, stellvertretend für viele schlanke Gestalten , die ich bisher in der Literatur  gefunden habe:

 

Theodor Storm, Novelle Schweigen

….
»Verheiratet!« – fast wie eine Enttäuschung klang dieser Ausruf – »Sie sagen das so leichthin, Herr Doktor; aber ich habe bei meinem Sohn kaum jemals eine Neigung noch entdecken können; – freilich einmal in den Ferien bei ihrem Liebhabertheater – Sie entsinnen sich wohl der schlanken, schwarzäugigen Baronesse? Sie hatte ihn einmal, da er in der Probe steckenblieb, so boshaft ausgelacht!«
Der Doktor streckte abwehrend beide Hände aus: »Nein, nein, Frau Forstjunker; solche Damen, erste Liebhaberinnen auf der Bühne, Amazonen zu Pferde, die sind hier nicht verwendbar. Ein deutsches Hausfrauchen, heiter und verständig; nur keine Heroine!«
Frau von Schlitz schwieg. Während der Doktor dieses Thema eingehender behandelte, stand die Gestalt eines blonden Mädchens vor ihrem inneren Auge: aus der geißblattumrankten Gartenpforte eines ländlichen Pfarrhauses war sie ihr entgegengetreten; so hoch fast wie sie selber, und doch als ob sie mit den vertrauenden Augen zu der älteren Frau emporblicke; dann wieder sah sie das Mädchen in der engen, aber sauber gehaltenen Kammer, wie sie mit ihren kleinen, festen Händen neben dem eigenen Bette ein halb gelähmtes Brüderchen in die Kissen packte und nach fröhlichem Gutenachtkuß gleich wieder helfend zu der Mutter in die Küche eilte; und wiederum – vor einen Kinderwagen hatte das schlanke Mädchen sich gespannt; der Wagen war vollbesetzt, und es ging durch den tiefen Sand eines Feldweges; mitunter entfuhr ein lachendes »Oha!« den frischen Lippen, und sie mußte stillehalten….

Felix Dahn
Ohdins Rache

….
In der rechten Ecke der Querbank lehnte Odhin, in Sinnen und Träumen versunken; er hatte den Ellbogen auf das breite Geländer gestützt und ruhte das mächtige Haupt auf der offnen Hand; er trug nur das enganliegende dunkelblaue Wams; Mantel und Hut hingen an der Wand, daneben lehnte der Speer; in der andern Ecke der Halle stand die hohe Harfe mit dem silberweißen Schwanenbug: aber gar viele Saiten waren gesprungen; wirr hingen sie herab.
Leise knisterten die Kohlen auf dem Herd.

II.
So ganz verloren in seine Träume war der Einsame, – er gewahrte es nicht, daß durch die freilich nur ein weniges und gar sacht geöffnete Thür eine schlanke Gestalt in die dämmerdunkle Halle glitt: hatte er doch die Augen – beide Augen: denn damals war noch der Gang zu den Nornen nicht geschehen – geschlossen in seinem Sinnen und Brüten.
Weder der kluge Adler noch die Wölfe, die wachen Hüter, hatten die Annäherung des Besuches gemeldet: der Vogel drückte die goldfarbigen Augen ein wenig zu, nachdem er schon von weitem die Kommende erkannt; und die treuen Wölfe witterten bei dem nahenden Schritt nur kurz dem Wind entgegen: – dann senkten sie gleich wieder die leicht erhobenen Köpfe.
Unvermerkt trat die junge Frau in dem weißen Untergewand und braunen Mantel mit schwarzer Kopfhülle hinter den Sinnenden. Sie sah ihm recht ähnlich mit den dunkeln, klugen, eindringlich blickenden Augen unter starken Brauen, und mit dem feingeschnitten kleinen Mund: aber ihr prachtvoll reiches Haar flutete tief schwarz, nicht braun; und sie zählte gar viele Winter weniger. Sie reckte sich nun ein wenig auf den Zehen, hob die beiden Hände über die Wandlehne der Bank und legte sie zärtlich auf seine beiden Augen: »Wer ist’s?« Lieblich klang die leise Frage.
Sanft langte er hinauf, schob ihre Hände, diese festhaltend, zur Seite, und richtete einen liebevollen Blick empor in ihr schmales Antlitz: »nur meine Schwester,« sprach er, »zaubert also mit der Stimme.«

Adolf Hausrath
Elfriede


»Die Pfote ist gebrochen«, sagte sie dann mit einer entrüsteten Stimme, in der eine Thräne zitterte.
»Es war ein dummer Zufall«, sagte Nik, dem alles Blut zum Herzen geschossen war.
»Das ist nicht wahr«, erwiderte die schlanke Elfriede, die, ihr Hündchen auf dem Arme, jetzt hochaufgerichtet ihm gegenübertrat. »Wir wissen wohl, wer unsere Ziege so ängstete, daß sie die Milch verlor. Sie haben eine Freude daran, wehrlose Thiere zu quälen. Sie haben ein schlechtes Herz.«
Nik stand bleich vor Scham,, und es lief ihm eiskalt über den Nacken. Noch suchte er nach irgend einer Ausrede, da hatte das schöne Mädchen ihm bereits den Rücken gewendet, und er sah nur noch, wie ihre schlanke Gestalt durch die Büsche verschwand, worauf er mit zitternden Knieen sich auf der Traumbank niederließ. In diesem Augenblicke läutete es zu Tisch. Mechanisch folgte er dem Rufe, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen. Erhitzt und mit zitternden Gliedern saß er den Eltern gegenüber. Er konnte keinen Bissen hinabwürgen. Die Mutter seufzte. Der Vater dachte, »er wird wieder einmal eine tüchtige Strafe in der Schule zudiktirt erhalten haben und rückt mit der Sprache nicht heraus.«

 

Maxim Gorki: Meister-Erzählungen

Warenjka Ollessowa

 

Er schaute ihr ins Gesicht mit dem Ausdrucke des Mitleids, aber ihre Klagen rührten ihn nicht. Die Art und Weise, wie sie sprach, gefiel ihm nicht; es war eine Büchersprache, wie sie tief fühlenden Menschen nicht eigen ist; und ihre hellen Augen irrten so sonderbar umher und blieben nur selten auf irgendeinem Gegenstand haften. Ihre Gesten waren weich und vorsichtig, und von ihrer schlanken Gestalt wehte eine innere Kälte.

….

Im Grunde genommen – dachte er – ist sie vulgär: zu viel Blut und Muskeln in ihrem gesunden, schlanken Körper und wenig Nerven. Ihr naives Gesicht ist nicht intelligent, und der Stolz, der in dem offenen Blicke ihrer tiefen, dunkeln Augen leuchtet, ist der Stolz einer Frau, die von ihrer Schönheit überzeugt und durch die Bewunderung der Männer verwöhnt ist.

Der Park kam in Sicht… Bald darauf gingen sie in seinen Alleen, und ihnen entgegen kam Elisawetta Sergejewnas schlanke Gestalt. Ein vielsagendes Lächeln umspielte ihre Lippen und in ihrer Hand hielt sie Papiere.

Die Terrasse, die auf die Freitreppe hinausführte, sah in der hereingebrochenen Finsternis wie ein düsterer Kasten aus, und bei jedem Aufflammen des Blitzes wurde die schlanke Gestalt des Mädchens mit einem bläulichen, geisterhaften Lichte beleuchtet.

 

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